«Was ist ein Ritual?»

Ein Ritual wird meistens in einem religiösen Kontext durchgeführt und soll einen höheren Sinnbezug herstellen. Der Psychoanalytiker Mario Erdheim stellt interessante Zusammenhänge zwischen Ritual, Gewohnheit und Tradition her.

Der Samichlaus: eine Tradition oder ein Ritual?
Der Samichlaus: eine Tradition oder ein Ritual?

Ist Ihnen heute schon ein Ritual begegnet oder haben Sie selber ein Ritual ausgeführt?
Mario Erdheim:
Nein, heute habe ich kein Ritual vollzogen. Wohl aber meine Gewohnheiten gepflegt. Ich kann mich nicht einmal mehr genau erinnern, wann ich das letzte Mal an einem Ritual teilgenommen habe. Vielleicht als «Götti» bei einer Taufe.

Gibt es ein Ritual, das Ihnen gefällt?
Nun, in der jüdischen Religion gibt es nach dem Freitagabendgebet, wenn der Sabbat eingeleitet wird, das Ritual der Gastfreundschaft. Fremde Leute werden zum Essen eingeladen. Diese rituelle Handlung verbindet Menschen miteinander und zeichnet sich aus, Geselligkeit in der Gemeinschaft zu erleben. In der heutigen individualisierten Gesellschaft eine interessante Haltung.

Wie definieren Sie ein Ritual?
Ein Ritual wird meistens in einem religiösen Rahmen vollzogen. Zentral bei einer rituellen Handlung ist die Herstellung von Sinn. Deshalb ist der morgendliche Kaffee kein Ritual. Im Gegensatz dazu ist ein Ritual, wenn jemand morgens betet und Gott dankt.

Wann ist ein Ritual ein Ritual?
Neben dem religiösen und sinngebenden Charakter bezeugen Menschen mit der Teilnahme an einem Ritual den Bezug zu einer bestimmten Gemeinschaft. Zum Beispiel zur katholischen, jüdischen oder muslimischen Religion. Das bewusste Zeugnis zu einer Gemeinschaft ist bedeutsam und beinhaltet eine gewisse Feierlichkeit. Diese Zugehörigkeit kann sogar Verfolgung und gesellschaftliche und ökonomische Nachteile auslösen.

Sind liebgewonnene, persönliche Gewohnheiten auch Rituale?
Nein. Wenn jemand am Sonntag regelmässig in die Kirche geht, aber dabei weder Gott, den katholischen Glauben, noch den Papst anerkennt, dann ist diese Handlung kein Ritual, sondern eine Gewohnheit. Es braucht eine innere Ausrichtung auf das Ereignis. Da können Menschen beispielsweise in der Fussball- oder Jugendklubszene eher Handlungen ausführen, die einen rituellen Charakter zeigen. Es gibt doch Jugendliche, die nur perfekt gestylt zum Tanzen gehen. Dieses Ereignis – eine Art Mitternachtsmesse – ist mit einem hohen Sinn besetzt. Und wenn die Jugendlichen nicht daran teilnehmen können, empfinden sie dies als eine Qual und sie fallen in ein Loch.

Welches ist der Unterschied zwischen einem Ritual und einer Tradition?
Bei der Tradition geht es darum, dass Menschen etwas genauso machen wollen wie ihre Vorfahren. Im Unterschied zum Ritual kann bei der Tradition das Kriterium des Sinnbezuges und der Feierlichkeit fehlen. Rituale haben jedoch eine Tendenz, dass sie sich gerne mit der Aura eines langen Zeitraumes umgeben. Da kommt mir die Streetparade in den Sinn. Bei der Streetparade wird doch versucht, diese zu ritualisieren und so zu tun, dass es diesen Anlass schon lange gibt und deshalb unbedingt durchgeführt werden muss. Ob dieses Ansinnen bei diesem Anlass klappt, da bin ich mir nicht so sicher.

Verändern sich Rituale im Laufe der Zeit?
Ja, wenn wir zum Beispiel an Weihnachten denken. Bei diesem religiösen Fest steht die Geburt Christi – dem Erlöser – im Mittelpunkt. Heute haben wir dieses Fest im Dienste des Kapitalismus umgedeutet. Wichtig ist oft nur noch, dass wir das passende Geschenk unter dem Weihnachtsbaum finden. Es gibt noch andere religiöse Feste, bei denen versucht wird, über den Konsum eine neue Sinngebung zu erzielen. Zum Beispiel bei Ostern soll Christus am Kreuz durch die putzigen Osterhasen ersetzt werden. Ein doch schwierigeres Unterfangen als bei der Geburt vom Christkind. Von Amerika kommen auch neue Gepflogenheiten wie der Valentinstag oder als Ersatz des Schulsilvesters der Halloween.

Geben Rituale Sicherheit?
Rituale sind meistens an komplizierte Handlungen gebunden, bei denen man sich konzentrieren muss. Diese Handlungen haben den Zweck, dass Zweifel am Glauben sich nicht festigen können. Die rituellen Handlungen sollen den Glauben immer wieder bestärken, ohne dass man darüber nachdenkt. Der Soziologe Arnold Gehlen meinte dazu provozierend, dass Rituale zu einem Reflexionsstopp führen.

Wann gewinnt ein Ritual an Bedeutung für einen Menschen?
Oft in Zeiten der Unsicherheit. Meistens beten Menschen, wenn sie in Not sind, eine Krise erleben. Rituale können eine chaotische Situation strukturieren und somit beruhigend wirken.

Gibt es gute oder schlechte Rituale?
Gut oder schlecht, das sind schwarzweiss Begriffe. Innerreligiös unterscheidet man zwischen «guten» und «bösen» Ritualen. Eine «Teufelsmesse» ist in diesem Sinne ein schlechtes Ritual; für die Teufelsanbeter ist es hingegen ein gutes Ritual. Wenn man ausserhalb der Religion und der sie tragenden Gemeinschaft steht, könnte man zwischen schädlichen und guten Ritualen unterscheiden. Eine katholische «Teufelsaustreibung» wäre dann ein schädliches Ritual, weil der davon Betroffene wahrscheinlich noch mehr leiden muss, als wenn er sich einer psychotherapeutischen Behandlung zuwendete.

Und kann ein Ritual pervertieren?
Oft benutzen Institutionen rituelle Handlungen, wenn sie selber nicht mehr richtig funktionieren oder von der Gesellschaft als weniger wichtig angesehen werden. Ich kann mich erinnern, wie wir im Militärdienst minutiös die Betten falteten, das Gewehr zerlegten und zusammensetzten oder die Schuhe putzen mussten. Diese Handlungen sollten die Illusion aufrecht erhalten, dass das Militär alles im Griff hat, wenn es gefährlich wird, wenn der Krieg in die Schweiz kommt. Während solche Drillübungen bis vor dem Ersten Weltkrieg mehr oder weniger Sinn und Bedeutung hatten, verloren sie im modernen Krieg ihre Funktion. Man kann sagen, dass sie «pervertieren» und nur dazu dienen, den Kadavergehorsam einzuüben.

Sind Menschen, die an einem Ritual teilnehmen, über das Ritual fremdbestimmt?
Wenn Menschen einen tiefen Glauben und einen echten Bezug zur Gemeinschaft besitzen, dann fühlen sie sich nicht fremdbestimmt. Auf der anderen Seite kann man das Denken nicht ritualisieren. Gerade in unserer Wissensgesellschaft sind wir geradezu gezwungen, eigenständig zu reflektieren und zu denken. Deshalb behaupte ich, dass wir in einer ungünstigen Zeit für Rituale leben.

Wann hört ein Ritual auf und wird zum Zwang?
Wenn man nicht mehr daran glaubt und sich nicht als Teil der Gemeinschaft erkennt. Ist jemand gezwungen, sonntags in die Kirche zu gehen, weil er sonst ausgeschlossen und gesellschaftliche sowie ökonomische Nachteile erfahren wird, dann können Rituale als sehr einengend und quälend erlebt werden.

Unterscheiden sich ritualisierte Handlungen von Männern und Frauen?
Könnte eine Päpstin nicht auch so schöne rote Schuhe tragen? Ich glaube nicht, dass Rituale speziell geschlechterspezifisch funktionieren. Aber wer an das Matriarchat glaubt, wird diese Aussage bestreiten und sagen männliche Rituale tendieren darauf, Macht zu demonstrieren, während weibliche Rituale Zusammengehörigkeit markieren.

Bemerken Sie wegen der Globalisierung eine Annäherung der Rituale zwischen den Kulturen?
Das ist eine schwierige Frage. Was mir zu dieser Frage gerade einfällt, sind die strengen Kontrollen am Flughafen unter dem Gesichtspunkt möglicher terroristischer Gefahren. Es gab vor Jahren die Meldung, dass Terroristen mit Flüssigsprengstoff mehrere Flugzeuge sprengen wollten. Seither misstraut man allen Flugzeugreisenden und sie dürfen keine Flüssigkeit mehr ins Flugzeug nehmen. Das umständliche Check-in-Ritual wird, ohne zu hinterfragen, weltweit an allen Flughäfen vollzogen. In Zügen und Bussen kann aus organisatorischen Gründen die gleiche Sicherheitsmassnahme nicht durchgeführt werden. Aber die Gefahr ist doch ähnlich wie bei einem Flugzeug, oder? Ich vermute, dass diese Sicherheitsrituale dazu dienen, in einer globalisierten Welt die Angst vor dem Fremden zu inszenieren.

In unserer Kultur ist der Konsum von Alkohol bei fast jedem Anlass ein fester Bestandteil. Können wir deshalb vom Ritual Alkohol sprechen?
Grundsätzlich nicht. Alkohol trinken ist eine Gewohnheit und ein Bestandteil unserer Ernährung. Bei einem Fest kann jedoch eine rituelle Grundstruktur entstehen. Durch den Alkohol, das Begiessen und Zuprosten anlässlich der Feier und der Gefeierten, erreicht das Fest Würde und einen tieferen Sinn. Umso teurer der Wein oder der Champagner, umso wichtiger wird das Fest und die teilnehmenden Personen. In diesem Rahmen wird jemand, der nur Wasser trinkt, sogar aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Solche Leute müssen sich oft rechtfertigen, warum sie keinen Alkohol trinken.

Zuviel Alkohol führt zum Rausch. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ritual und Rausch?
Menschen aller Kulturen kennen seit Urzeiten das Bedürfnis nach einem Rausch. Es scheint, dass der Rauschzustand bis zur Besinnungslosigkeit für viele Menschen eine wichtige Erfahrung ist. Nicht einmal die Aufklärung oder der gesunde Verstand haben es geschafft, den Rausch abzuschaffen. Früher war das Erreichen des Rauschzustandes verbunden mit der Möglichkeit, mit den Göttern zu kommunizieren. Heute suchen Menschen das Rauscherlebnis, weil sie in diesem Zustand aus der Haut fahren können und Grössenfantasien erlebbar werden wie «Ich bin der Schönste, die Beste, der Lustigste» und so weiter. An Grossanlässen trinkt man mit einer berauschten Gemeinschaft Alkohol, man ist somit Teil dieser «Gemeinde».

Haben sich die Rituale rund um den Alkohol im Laufe der Zeit verändert?
Im 19. Jahrhundert wurde es möglich, Alkohol in grossen Mengen herzustellen und zu vertreiben. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde ein hoher Alkoholkonsum bei der breiten Bevölkerung zu einem Problem. Dabei wurden auch alte Rituale, die Rauschzustände kennen, ausgenützt und kommerzialisiert. In neuster Zeit kennen wir dafür das Beispiel der Streetparade. Am Anfang stand das rauschhafte Tanzen im Mittelpunkt. Mit dem Auftritt von Alkoholproduzenten als Sponsoren wurde das Rauscherlebnis über den Alkohol erweitert.

Und noch eine persönliche Frage: Gibt es eine Gewohnheit, die Ihnen ans Herz gewachsen ist?
Ich versuche seit langem die Gewohnheit, einmal in der Woche Gäste zu empfangen, zu ritualisieren. Leider gelingt mir es bis heute nicht, dass diese Gewohnheit zu einem Ritual wird. Immer wieder kommen mir irgendwelche andere Vorhaben dazwischen. Deshalb gefällt mir das jüdische Ritual der Einladung eines Fremden am Sabbat.

Dr. phil. Mario Erdheim ist Psychoanalytiker, Lehrbeauftragter und Supervisor. Seine Interessenschwerpunkte sind Entwicklungspsychologie, psychoanalytische Theorie der Adoleszent sowie psychoanalytisch Kulturtheorie.

Dieser Interview ist erstmals im laut & leise Nr. 2-2009 erschienen. Herausgeberin: Stellen für Suchtprävention im Kanton Zürich.

Foto: Brigitte Müller